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Imagine in der Bibliothek in De Haan aan Zee

Stel je voor, imagine,...

..einen schöneren, adäquateren Titel kann es für eine Ausstellung in einer Bibliothek nicht geben: hinter allen Zeichen dieser Stätte verbirgt sich die Aufforderung: Stell dir vor...

Stell dir vor...

... du bist in einer Bibliothek und es finden sich noch andere als Sprachzeichen. Bild-Zeichen. Stell dir vor, was ein Besucher einer Bibliothek tatsächlich tut: er stellt sich vor - was genau diese Zeichen hervorrufen, wachrufen.

Nichts ist abstrakter als ein Schriftzeichen, erst seine Interpretation macht es zu einem Begriff. Ein A hat für sich keine Bedeutung. Auch ein B hat keine Bedeutung. Aber das nun ist in jeder Sprache anders. Wenn da z.B. die Buchstabenfolge "s-l-i-m" steht, weiß zunächst niemand, ist das dünn ( Englisch ), oder ist es schlau ( Niederländisch ). Es muß erst etwas hinzugefügt werden. Z.B. "Dat is een slimme type." ( Der Kerl ist clever. )

Richtig aber bleibt: Zeichen sind lesbar. Nur bedürfen sie bisweilen der Übersetzung. Und erst recht in der Sprache der Bilder:
Nicht immer leuchtet sofort ein, was ein Zeichen sagen will. Wenn auf jenem berühmten Gemälde von van Eyck "Die Hochzeit der Arnolfini" ein Hund im Bild ist, so weiß vielleicht der Kenner, es ist ein Symbol ehelicher Treue. Ein Beispiel für viele, die gerade in diesem Gemälde zahlreich vertreten sind.

Für die Kunst der Moderne aber gilt: Sie braucht erst recht Übersetzung - in die Moderne heutigen Lebens. Denn die Sprache hat längst nicht immer Schritt gehalten mit dem, was sich verändert hat: sie mußte und sie muß neue Begrifflichkeiten finden, um exakter ausdrücken zu können, was gemeint war. Und weiterhin galt es und gilt es, zwei entscheidende Fragen zu stellen: Was ist das? und: Was bedeutet das? und den großen Unterschied zu benennen und hervorzuheben. (Eine Linie in einem Gemälde ist eine Linie; aber sie bedeutet - vielleicht eine Hauswand, vielleicht einen Horizont, vielleicht...)

Vielleicht hilft über meine Arbeiten ein Essay von Leo Phillipé, der sich mit meiner Sicht des Raumes auseinandergestzt hat. Er befindet sich am Ende dieses Textes.

Zeichen in einer Bibliothek also. In einem Ort, der zur Pflege geistiger Werte dient, der nicht nach dem Rausch des schnellen Momentes zielt, sondern sich besinnt auf den glücklichen Moment der geistigen Freude, der anhaltenden Freude: Dafür gibt es ein lateinisches Wort: cultus, in heutiger Sprache: Kultur. In der Sammlung einer Bibliothek liegt die Kunst des Bewahrens, der Wert des Bewahrten. Ein Rückzugsort in einer strömenden Getriebenheit.

Diese Ausstellung ist keine Verkaufsausstellung, sie möchte anregen, sich die Zeichen anzuschauen, zu verweilen.

Sie ist eine Verbindung der Kunst mit der Literatur. Und, sie ist anders als gewohnt und zudem auch von sehr unterschiedlichen Menschen: Einer Frau, jung, einem Mann, nicht mehr ganz so jung. Einer Belgierin, einem Deutschen. Beide sind Künstler, aber beide haben eine andere Sprache, wörtlich und bildlich.

Für mich war all das ein großer Anreiz, die Einladung zu dieser Ausstellung anzunehmen. In dieser Bibliothek, das heißt: im gesammelten Wissen, in der Bildung dieser Stadt auszustellen ist eine Freude. Zusammen mit der jungen Kollegin eine Herausforderung.

Dort die Kraft der Jugend, fordernd, vielleicht anklagende Forderung, hier eine Zusammenstellung von Arbeiten mit vielen Anklängen an Schrift und Schriftzeichen. Zeichen, die etwas festhalten, was sich als Gedanke verflüchtigt. So, wie sich ihre Materie verflüchtigt. Meine Arbeiten sind vielfach "in Arbeit", sie sind oft nicht abgeschlossen, wie ein "Kunstwerk" abgeschlossen ist: Der Rost lebt weiter an jenen "Findelkindern", die ich abgestoßen irgendwo gefunden habe, abgelegtes Stückwerk ohne erkennbaren Wert; und wieviel Wert haben diese verwaisten Teile, wenn sie, dem Schmutz entledigt in neuer "Garderobe" angeleuchtet werden?!

Alles ist eitel, schrieb Gryphius um 1637 und beschrieb damit die Vergänglichkeit allen Lebens. Und / Aber dennoch: Sie lebt, die nur scheinbare Vergangenheit. Wo anders wäre der Beweis nachhaltiger als in einer Bibliothek?

Seit Urzeiten versuchen Menschen festzuhalten, was ihnen wert erscheint. Das gilt für das Fotoalbum der Familie wie auch für die Bewohner einstmals großer Städte.

Vor Bildern im Familien-Album steht die Frage: "Weißt du noch?"

Vor den Ruinen alter Städte stehen Menschen, oft von weit her angereist, um die alten Zeichen verstehen zu lernen, mindestens, um sie einmal gesehen zu haben, um ihren Wert einschätzen zu lernen.

Ägypter, Griechen, Römer, Chinesen oder die Nachfahren der Inka besangen ihre Ruinen als Zeichen großer Vergangenheit. Pyramiden kann man besichtigen, die Akropolis, das Kollosseum, die Große Mauer oder die ausgegrabene Stadt Macchu Picchu. Architektur, die überdauert. Aber die braucht Raum. Wer diesen Raum für gewöhnliche Architektur vergibt, ist nicht an der Vergangenheit der Zukunft interessiert, also nicht an der Geschichte; für ihn zählt ( sic! ) nur die bezahlende Gegenwart. An der Poetik der Geschichte besteht kein Interesse.

Wenn er heute von Alexandria spricht, dann denkt der Mensch von Bewußtsein an die zerstörte Bibliothek. An den Wert, den der dort hinterlassene Geist bedeutet hat.

Das Denken und Empfinden großer Kulturen war darauf ausgerichtet, bewußt zu bewahren.

Für den Hera Tempel in Olympia z.B. gab es ein generationenübergreifendes Abkommen: Über Jahrhunderte hinweg wurden die einst hölzernen Säulen nach und nach durch solche aus Kalkstein ersetzt - jede Zeit stellte sich dar, neu, und doch gemeinsam mit der Vergangenheit. Grund war nicht allein eine funktionale Notwendigkeit, sondern die Verbundenheit mit der Vergangenheit im Licht der wechselnden Ästhetik.

So gesehen ist eine Bibliothek der sehr richtige Ort, sich mit der Vielfältigkeit von Zeichen zu befassen. Die Verborgenheit des Schönen - und Schönheit liegt verborgen - in Zeichen zu erkennen, die längst dem Vergessen anheim gefallen waren.

Jenes: Stell dir vor - ist nirgends besser aufgehoben als in der Sammlung von Gedankenwelten. Hier, wo Menschen hinkommen auf der Suche nach Gedanken, kann in selbstgewählter Ruhe nachgedacht werden, was andere vor-gedacht und formuliert haben. Hier muß kein Preis gezahlt werden für ein Werk, hier kann ( leihweise ) mitgenommen werden. Die Gedanken dazu dürfen bleiben. Sie kosten nur eines: Denken.

Stell dir vor, Menschen denken.

Hier in der Bibliothek ist das nicht schwer. Hierher kommt ein Mensch, um genau das zu tun. Sich in die Welt der Zeichen entführen zu lassen. Sich Ruhe und Besinnung zu erlauben, einen Teil davon mitzunehmen nach Hause. Teilnahme zu üben an dem, was eine Kultur ausmacht, die Bewahrung des geistigen Wertes.

Es ist die geistige Vorstellung, der Vorzug an die Stille, das Zulassen, ja Aushalten von Ruhe, das Nachdenken, sich auf sich besinnen, sich überdenken, sich vorstellen, was sein könnte.

Imagine, sang der nicht mehr ganz junge John Lennon, friedensbewegt in einer vom Krieg (Vietnam ) aufgwühlten und erschütterten Zeit.

Er hätte heute wieder allen Grund, zu singen.

Oder wäre der alte John Lennon, erfahrungsgebeutelt, wissend, daß "der Mensch" eben nicht aus der Vergangenheit lernt, wäre der alte John Lennon schon zufrieden damit, wenn sich nur jemand an die Dramen des Krieges erinnern würde? Wenn es eine Kultur des Erinnerns gäbe, wie sie etwa die Griechen, die Römer hatten und wie sie noch heute bei den Asiaten gepflegt wird? Wenn die Generationen sich bewußter würden, daß sie eine Vergangenheit und ihre Nachfahren eine ungeklärte Zukunft haben? Wenn eine Generation wüßte, was sie geprägt hat? Wenn, wie es die Griechen mit dem Hera-Tempel in Olympia taten, die junge Generation die alten Stäbe austauschte, aber eben nicht zerstörte, was Bestand hatte?

In einer Bibliothek sollte es möglich sein, auch eine Erinnerung hervorzurufen für Erkenntnisse der Vergangenheit - deren Gültigkeit anhält.

Scipio, der römische Feldherr, der Karthago zerstörte, erschrak beim Anblick der von ihm vernichteten Stadt, und er zitierte aus einem griechischen Weltepos, der Ilias des Homer:

"Einst wird kommen der Tag, da das heilige Ilion ( gemeint ist: Troja ) hinsinkt. Priamos auch und das Volk des lanzenkundigen Königs."

Soll bedeuten: Wenn der Mensch nicht auf seine Zeit achtgibt - und die besteht aus Vergangenheit, Gegenwart und denkbarer Zukunft - dann vergeht er, der Mensch. So lanzenkundig sein König auch sein mag.

Scipio wußte, daß er nicht danach gehandelt hatte. Karthago blieb zerstört. Das läßt sich heute besichtigen.

ggm, März 2015